KONGRESS-BERICHT 2015 BERLIN

Zahntechnik ist handwerkliches Können mal digitale Technik

Faszinierende Implantatprothetik beim 4. CAMLOG Zahntechnik-Kongress in Berlin

Digitale Implantatprothetik bietet größere Materialvielfalt und gewährleistet eine höhere Präzision. Aber ist sie deshalb immer erste Wahl? Prominente Zahntechniker zeigten Ende April vor 750 Zuhörern, dass analoge und digitale Methoden einander ergänzen – und damit ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Dazu gehören gefräste individuelle Gingivaformer, gedruckte Bohrschablonen und optimierte Frässtrategien für Implantatstege.

Computergestütztes Design und maschinelle Fertigung sind seit Jahren Realität, immer neue Techniken und Materialien kommen auf den Markt. „Die Branche hat sich enorm beschleunigt.“ Dennoch ist das Know-how und Formgefühl der Zahntechniker wichtig wie nie zuvor, wie Michael Ludwig, Geschäftsführer von CAMLOG in Deutschland, einleitend feststellte: „Wer sich unternehmerisch aufstellt und zugleich nah an der technischen Entwicklung bleibt, ist für eine erfolgreiche Zukunft gerüstet.“

Wie sie digitale und analoge Methoden intelligent verknüpfen, zeigten die in Berlin vortragenden Referenten an eindrucksvollen Beispielen. Der analoge Anteil in ihren Laboren beträgt aktuell zwischen 30 und 90 Prozent. Das liegt übereinstimmend daran, dass einige Arbeitsschritte analog immer noch besser funktionieren als digital. So gestaltet der Zahntechnikermeister Christian Hannker (Rastede) seine Wax-ups grundsätzlich manuell: „An digitalen Aufstellungen sitze ich drei Stunden, mit unbefriedigendem Ergebnis“. Stattdessen nutzt er Naturzahnmodelle „aus der Schublade“. Das Wax-up scannt er ein und plant seinen Implantatsteg oder seine Teleskopbrücke am Bildschirm.

Gefräst werden die Primär- und Sekundärkonstruktionen dann mit eigenen Maschinen. Die Zahnaufstellung überträgt Hannker mithilfe von Silikonschlüsseln auf das Gerüst, entfernt die Gingivaanteile und dubliert die komplette Konstruktion. In mehreren manuellen Arbeitsschritten werden die Zahnanteile mit Dentin- und Schmelz-Komposit und Farbeinlagen gestopft. Parallel dazu zeigte Hannker die digitale Fertigstellung der Versorgung. Die Farbspiele werden hier mit den entsprechenden Fräsblanks und Mal- und Glasurfarben erreicht – dazu liegen noch keine stabilen Daten und Langzeitergebnisse vor (1). Bis jetzt ist die manuelle Fertigstellung der Versorgung der am besten umsetzbare Weg in seinem Labor.

Offene Software und PEEK-Käppchen

Wie seine Kollegen Hans-Frieder Eisenmann und Kurt Reichel bevorzugt Christian Hannker für digitale Konstruktionen eine offene Software, da ihm diese den nötigen Gestaltungsfreiraum lasse. Das geht so weit, dass er die CAM-Strategien modifiziert. Bei Stegüberwürfen simuliert er den Einsatz der unterschiedlichen Fräser. Dabei prüft er im virtuellen Schnellverfahren, ob die Schleifkörper das Objekt an allen passungsrelevanten Stellen erreichen und korrekt ausschleifen. Nach der Fertigung kontrolliert er die Friktion des Steges noch in der Maschine. Falls die Friktion zu stramm ist, geht er zurück in die Frässtrategie und justiert diese im µm-Bereich nach. Diese aufwendige Anpassung erfolgt gegebenenfalls in mehreren Schritten.

Hannker (analoger Anteil: 30 %) liebt diese Arbeit, die für ihn mit einem teuren Hobby vergleichbar ist. Zugleich betont er, wie wichtig eine eingehende Beschäftigung mit der Technik ist: „Was nützen die vielen PS eines Sportwagens, wenn wir sie nicht auf die Straße bringen?“ Hannker arbeitet je nach Indikation mit unterschiedlichen Scannern, vorzugsweise parallel mit einem optischen und taktilen Gerät. Selbst Fräsdienstleistungen anzubieten, hatte er ursprünglich nicht geplant: „Das ist einfach so gekommen.“

Wer nicht so weit in die digitale Welt einsteigen möchte, kann andere Wege gehen. So delegiert Jan Langner (Schwäbisch Gmünd) computergestützte Arbeitsschritte an seine Mitarbeiter – arbeitet selbst aber zu 100 Prozent analog. Langner nutzt die digitalen Fertigungstechnologien und ist offen für Neues: So verwendet er anstelle von Legierungen seit Jahren Zirkonoxid und Lithiumdisilikat-Vollkeramik, für Teleskop-Käppchen Polyetheretherketon (PEEK). Letztere sind biokompatibel und haben aus seiner Sicht faszinierende Friktionseigenschaften. Wegen fehlender Langzeitdaten äußerten sich in Berlin die meisten Referenten zurückhaltend zu diesem Material, insbesondere zu großspannigen PEEK-Stegen oder -Brücken.

Unabhängig von der Technik rät Langner dazu, die Arbeit täglich gut zu strukturieren: „Bevor ich mit einer Arbeit beginne, muss sie im Kopf fertig sein, einschließlich Rechnung. Und ich will wissen, wie es am nächsten Tag weiter geht.“ Langner spricht sich gegen genormte Schönheit aus und empfiehlt daher, Zähne asymmetrisch aufzustellen: „Lassen Sie jedem Patienten seine Persönlichkeit.“ Ganz sicher ein Thema für analoges Arbeiten, zumindest im Frontzahnbereich.

Parallele Autobahnen

Für den Berliner Zahntechnikermeister Andreas Kunz, Entwickler des Berliner Konzepts, einer Leichtbauweise für Implantat-Mesostrukturen, laufen nur die Patientenfotografie (digital) und die Funktions- und ästhetische Analyse (analog) als Einbahnstraßen. Für alles andere werden analoge und digitale Abläufe sinnvoll kombiniert. Kunz sieht beide Konzepte als parallele Autobahnen und digitale Zahntechnik damit nicht als Abzweigung ohne Umkehrmöglichkeit.

Um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, prüft Kunz – täglich – Arbeitsprozesse auf Qualität und Effizienz: So modelliert er Stege bisher lieber manuell, da sie am Bildschirm schwierig darzustellen seien (2). Vor der CAM-Fertigung probiert er die Modellation im Mund ein. Scannen und Fräsen lässt Kunz komplexe Stege dann extern. Er bestellt die Werkstücke im Rohzustand und bearbeitet und poliert sie im Labor nach.

Wie der Einstieg in die CAD/CAM-gestützte Implantatprothetik gelingen kann, zeigte Kunz anhand von Auftragsformularen und Checklisten des DEDICAM Scan- und Design-Services. Für individuelle Abutments werden Arbeitsmodelle, Wax-up und abnehmbare Zahnfleischmaske an das Fertigungszentrum geschickt, zusammen mit Informationen zum Emergenzprofil, gegebenenfalls zum Druck auf das Weichgewebe und zur Position der zervikalen Stufe. Das Design des Abutments konstruieren dann die Zahntechniker des DEDICAM Teams von CAMLOG. Alternativ kann das Abutment aufgewachst und eingesandt werden.

Brennen für digitale Implantatprothetik

„Wir übernehmen die Verantwortung.“ Der Zahntechniker Martin Steiner, Leiter des Bereichs DEDICAM, erläuterte die Qualitätsgarantie von CAMLOG für gelieferte Halbzeuge. So werden Stege mit der Sheffield-Methode auf perfekte Modellpassung getestet. Wie Steiner überzeugend demonstrierte, brennt sein Team für die digitale Implantatprothetik – und steht deshalb für fundierten Austausch mit den zahntechnischen Kunden.

Die wachsende Zahl alter Patienten bedeutet, dass mehr Zahntechnikleistungen benötigt werden. Das Auftragsvolumen steigt zusätzlich wegen höherer Patientenansprüche, die Manpower im Zahntechnikhandwerk sinkt dagegen weiter. Daher sind externe Dienstleistungen laut Steiner bei entsprechender Service-Qualität eine elegante Option. Die eingesparte Zeit könnten Zahntechniker für patienten- und kundenbezogenen Service nutzen. Dieser ist bekanntlich die beste Möglichkeit, sich gegenüber Mitbewerbern zu differenzieren.

Steiner riet, die Arbeitsprozesse im Labor auf Rentabilität zu prüfen, um die Digitalisierung profitabel und wirtschaftlich sinnvoll zu integrieren. Ob Zahntechniker mittelfristig in eigene Scan- und Planungssysteme investieren oder auch diese Leistungen outsourcen, hänge von der jeweiligen Ausrichtung des Unternehmens ab. Steiner betonte, dass zu einem ausgebauten digitalen Planungs- und Fertigungsweg das zahntechnische Wissen und das entsprechende materialspezifische und technische Know-how gehören.

3D-Druck und Intraoral-Scans

Hans-Frieder Eisenmann (Amstetten) gehört zur Prüfungskommission der Innung Stuttgart. Der Zahntechnikermeister betreibt in seinem Labor auf der Schwäbischen Alb neben der CAD/CAM Frästechnik 3D-Drucker, mit denen er in erheblichem Umfang Bohrschablonen für die Guided Surgery fertigt. Mithilfe der virtuellen Konstruktionsplanung können zusammen mit den Bohrschablonen schon individuelle Gingivaformer oder temporäre Abutmentkronen für die offene Einheilung und zur Ausformung eines natürlichen Durchtrittsprofils geliefert werden (aus PEEK gefräst). Eisenmanns Drucker funktionieren mit Fotopolymer, das in Schichten von 16 µm aufgetragen wird. Damit sei das Ziel einer Präzisionssteigerung gegenüber bisheriger Technik erreicht. Die Werkstücke dürfen allerdings aus zulassungsrechtlichen Gründen maximal 27 Tage getragen werden.

Von seiner Rückbesinnung auf analoge Zahntechnik berichtete Kurt Reichel. Der Zahntechnikermeister aus Hermeskeil bei Trier sieht in der Digitalisierung einen Quantensprung für sich, sein Labor und die Zahntechnik. Heute fertigt er in seinem Labor alles, was mit Gleichförmigkeit zu tun hat, mit digitalen Verfahren. Das sind zum Beispiel Unterkonstruktionen, Stege und Brückengerüste. In ästhetisch anspruchsvollen und hochsensiblen Bereichen entwickelt Reichel das Durchtrittsprofil von Frontzahn-Abutments lieber analog, die Schulter brennt er für bessere Fluoreszenz mit Lithiumdisilikatkeramik auf Zirkonoxid auf.

Solche Arbeitsschritte können heute mit hochentwickelter Software weitgehend digital erfolgen, doch Reichel sieht darin keine Vorteile. Er ist selbst leidenschaftlichen Befürworter des Handwerks und plädiert wie Hannker für eine traditionelle zahntechnische Ausbildung. „Denn das Modellieren mit dem Wachsmesser konditioniert Zahntechniker im Kopf so, dass sie die Zahnformen auch digital exakt wiedergeben können“ so Reichel. Die Zukunft der Zahntechnik liegt für ihn in einer ausgewogenen Mischung von analogen und digitalen Herstellungsverfahren.

Eine andere Vision hat Professor Sven Reich, Leiter des Lehr- und Forschungsgebiets für computergestützte Prothetik an der Universität Aachen. Intraorale Scanner sind für Ganzkieferabformungen noch zu ungenau, für kleine festsitzende Restaurationen, auch auf Implantaten, aber bereits besser als konventionelle Abformmethoden. Reich beschrieb faszinierende Anwendungen, wie das Ausschneiden und Nachscannen bereits gescannter Präparationsbereiche. Intakte Zahnreihen lassen sich für spätere, naturgetreue Restaurationen einscannen, wobei die Daten allerdings aus Datenschutzgründen beim Patienten bleiben sollten.

Fluoreszenz als Legende?

Warum eine exakte Farbwiedergabe so schwierig ist, demonstrierte Sascha Hein (Bad Wörishofen) anhand von Oberkieferfrontzähnen (3). Der Zahntechnikermeister hat die dentale Farblehre an der Universität Perth (Australien) umfassend studiert. Mit faszinierenden Bildern und Analysen zeigte Hein den komplexen Weg des Lichts, das durch den variablen Verlauf von Schmelzprismen und Dentinkanälchen abgelenkt wird. Komposite und Keramiken haben dagegen einen fixen Brechungsindex.

Strukturbedingt kann zum Beispiel – entgegen verbreiteter Meinung – das inzisale Drittel natürlicher Zähne das höchste Chroma aufweisen. Fluoreszenz spielt laut Hein für die Farbwirkung keine nachweisbare Rolle, so dass fluoreszierende Abutments keinen Sinn machten: „Sorry.“ Zwiespältig, aber faszinierend ist folgende Vision, die in Berlin im Raum stand: Die Struktur der Zahnsubstanzen – und damit ihre Farbwirkung – könnte sich eines Tages in der Tiefe analysieren und zum Beispiel mit 3D-Druckern nachbauen lassen.

Anatomie in digitalen Zeiten

Zahntechnik ist auch digitales Können, potenziert mit handwerklichem Know-how. Mit Eisenmann, Hannker, Langner und Reichel betonten gleich vier Referenten, dass (analoges) zahnanatomisches Wissen unter allen Umständen an die nächste Zahntechnikergeneration weitergegeben werden müsse. Dentale Prothetik – als Produkt eines anspruchsvollen medizinischen Handwerks – funktioniert zudem nach Überzeugung von Michael Ludwig am besten im engen interdiszplinären Austausch. Mit ihrem zahntechnisch-prothetischen Wissen und ihrer Kenntnis der digitalen und materialbezogenen Möglichkeiten könnten Zahntechniker ihren zahnärztlichen Kunden nicht nur als Partner, sondern als kompetente Berater zur Seite stehen.

Für dieses Konzept standen in Berlin nicht zuletzt die Moderatoren, Gerhard Neuendorff, Zahntechnikermeister in Filderstadt und Dr. Markus Beschnidt, niedergelassen in Baden-Baden. Beschnidt bedankte sich bei allen Zahntechnikern dafür, dass sie seine Arbeit täglich krönen: „Welcher Patient lobt mich wegen einer tollen Präparation?“ Als Teampartner verstanden sich in Berlin auch die Teilnehmer. Sie nutzten die Gelegenheit, über eine speziell programmierte App zahlreiche Fragen an die Moderatoren zu senden, die dann gemeinsam mit den Referenten diskutiert wurden.

Den Wandel bewältigen

Dass der Wandel sich nicht aufhalten lässt, betonte in Berlin auch der mehrfache Schwimm-Olympiasieger und promovierte Germanist Dr. Michael Groß. Als Managementberater weiß er, dass persönliche und teambezogene Veränderungen für alle umsetzbar sind. „Was bewegt mich? Wohin will ich? Welche Stärken habe ich?“ Diese Fragen helfen nach Groß‘ Erfahrung, den persönlichen, erfolgreichen Weg zu finden. Auch in Zahntechnik und Implantologie.

Autor: Dr. Jan H. Koch

 

Literatur
1. Hannker C. Oberkieferteleskopprothese aus CAD/CAM-gefertigten Primär-, Sekundär- und Tertiärstrukturen. Quintessenz Zahntechnik 2014;40(6):728-740.
2. Kunz A. Stegversorgungen bei herausnehmbaren implantatgetragenen Restaurationen. Quintessenz Zahntechnik 2015;41(4):438-454.
3. Hein S, Bazos P, Tapiea Guadix J, Zago Naves L. Farbinterpretationen jenseits des Sichtbaren erforschen. Quintessenz Zahntechnik 2014;40(9):1178-1191

4. CAMLOG ZAHNTECHNIK-KONGRESS
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